Interview mit den Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano aus Spanien:

In München ist bald moderne Museumsarchitektur für das unvergessliche Erlebnis Archäologie zu erleben. Die ganze Welt der bayerischen Funde – von der Bronzezeit über Römerzeit bis hin zum Mittelalter – erhält unweit des Englischen Gartens (Lerchenfeldstraße 2) ein neues Zuhause, das vom international tätigen Architekturbüro Nieto Sobejano realisiert wurde. Ab Frühjahr 2024 zeigt die Archäologische Staatssammlung in München ihre 4000 Fundobjekten und wird neuer  Anziehungsmagnet für die Kulturgeschichte Bayerns.

Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano (Foto: Alvaro Felgueroso Lobo), die das Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos gründeten

Zu den herausragenden Ausstellungsexponate der Archäologischen Staatssammlung in München zählen:

  • im Jahr 1856 im Ort Westerhofen – nördlich von Ingolstadt – wurde ein 10×7 Meter große Mosaikfußboden einer römischen Villa gefunden
  • die 1957 gefundene Moorleiche „Rosalinde“
  • der bronzezeitliche Einbaum von der Roseninsel im Starnberger See, die aufgrund seiner Pfahlbauten zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt

Neu wird der 2011/2012 im Marienhof frei gelegte Brunnenschacht 5 aus Holzbohlen sein, der anlässlich der Bauarbeiten zur zweiten Stammstrecke gefunden wurde. Dieser erstmals gezeigte Fund stammt aus dem Jahr 1260 und ist unwesentlich jünger als die 1158 gegründete Stadt München. Bei den öffentlichen, europäischen Wettbewerben für die Neugestaltung des Museums im Jahr 2014 setzten sich das Atelier Brückner (Stuttgart) beim Ausstellungsdesign und das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos für die Erneuerung und Erweiterung des Gebäudes durch. Anlass des Interviews über Architektur mit Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano, die Büros in Madrid und Berlin unterhalten, ist die Neueröffnung der Staatssammlung im Frühjahr 2024 in München.

Hof: Auf welche Besonderheiten können sich die Besucher bei Ihrer Neugestaltung freuen?

Nieto / Sobejano: Auf den ersten Blick, aus der Ferne, scheint das Gebäude kaum verändert worden zu sein, da es das gleiche präzise und abstrakte Erscheinungsbild beibehält, das charakteristisch ist. Und doch wurde es gründlich und vollständig umgestaltet, sowohl in funktioneller und technischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit.

Wenn sich die Besucher nähern, erleben sie einen neuen Eingang und neue Außenanbauten, die mit demselben Cortenstahl verkleidet sind wie die der übrigen Fassaden. Beim Betreten entdeckt man ein vollständig renoviertes Museum, in dem jeder Raum in unterschiedlichem Maße umgestaltet wurde, und zwar im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ausstellungsfläche.

Kunstmuseum Moritzburg – berühmt für die Gemälde von Lyonel Feininger – wurde 2008 von Nieto Sobejano Arquitectos fertiggestellt. 

Moderne Architektur „made in Spain“ in München und Halle

Hotel Königshof am Karlsplatz (Stachus)

Die Bavarian Towers – Büroimmobilien am Vogelweideplatz

Headquarter von KPMG im Werksviertel am Ostbahnhof

Eingang zur neuen Archäologischen Staatssammlung

Hof: Das ursprüngliche Gebäude stammt aus dem Jahr 1975. Bauen im Bestand ist zwar nachhaltig, aber auch limitierend. War das eine Herausforderung beim Entwurf?

Nieto / Sobejano: Die Nachkriegsmoderne brachte Werke von hoher Qualität hervor, die die städtebauliche Entwicklung der deutschen Städte maßgeblich beeinflussten. In München war Helmut von Werz (1912 -1990) einer der herausragenden Architekten dieser Zeit, der die Archäologische Staatssammlung entwarf. Sie wurde zwischen 1970 und 1975 erbaut und gilt als eines der Beispiele für die damals, neue Museumsarchitektur in Deutschland. Obwohl das Werk von Werz nicht offiziell vom bayerischen Denkmalschutz geschützt war und theoretisch radikale Änderungen erlaubt gewesen wären, haben wir das Gegenteil in unserem Entwurf umgesetzt. Wir respektieren das ursprüngliche Gebäude und die architektonische Qualität. Zudem sind wir ein Befürworter nachhaltiger Architektur. Das heißt: Wir nehmen die ökologischen Folgen der Neubauten sehr ernst, weil das neue Bauen sehr energieintensiv ist. Daher ziehen wir eine Sanierung und Optimierung eines Bestandgebäudes immer einem Abriss vor.

Hof: Ein Architekt für ein Museumsgebäude muss vieles beachten. Barrierefreiheit, Außendämmung, Belüftung und vor allem Fragen der Beleuchtung. Kunstlicht oder natürliches Licht? Das alte Museum wirkte immer recht dunkel und wenig einladend. Wie fiel hier die Entscheidung bei Ihrem Neubau aus?

Nieto / Sobejano: Die Arbeit innerhalb der materiellen und konzeptionellen Zwänge eines Gebäudes erfordert Disziplin und Zurückhaltung. Einerseits geht es darum, auf neue, unnötige Eingriffe zu verzichten, und andererseits innerhalb des Bestandsgebäudes neue Flächen zu entdecken und zu nutzen. Durch unseren Umbau konnten wir die Fläche des Museums erheblich erweitern. Von außen sind beispielsweise neue Anbauten sichtbar, die Tageslicht in den unterirdischen Ausstellungsraum bringen. Denn Lichtverhältnisse in Museen üben einen maßgeblichen Einfluss auf die Wirkung der jeweiligen Exponate aus. Der transparente und offene Eingang soll zudem die Besucher einladen, das Museum zu betreten.

 

Hof: Die Dachfläche des unterirdischen Anbaus soll für eine Kindertageseinrichtung als Freifläche genutzt werden. Wie kamen Sie auf die Idee einen Kindergarten in einen Museumsbau zu integrieren?

Nieto / Sobejano: Es war eine Gelegenheit einen Kindergarten mit Spielplatz in das Museum zu integrieren. Da bei dem Museum die Archäologie im Mittelpunkt steht, wollten wir dass diese Wissenschaft auch für die Kleinen ein Erlebnis wird. Daher entstand die Idee für einen Spielplatz, der als kleiner archäologischer Garten konzipiert ist. Außerdem bringt eine Integration von sozialen und kommunalen Nutzungen das Museum den Bürgern näher. Wir wollten der vielleicht gängigen Vorstellung in der Gesellschaft, dass ein Museum eine geschlossene und von der Allgemeinheit entfernte Institution darstellt, etwas entgegensetzen.

Hof: Die Staatssammlung hat ja einige Highlights aus der Steinzeit, der Kelten, der Römer oder des Frühmittelalters – von einem keltischen Münzschatz bis hin zu einem bronzezeitlichen Einbaum von der Roseninsel. Was ist ihr persönlicher Favorit? Bekommt dieses Objekt einen besonderen Ort im Museum?

Nieto / Sobejano: Der Bestand der Sammlung ist enorm. Es ist schwierig ein Lieblingsstück auszuwählen. Neben der bedeutenden Sammlung keltischer Objekte war es für uns besonders interessant zu sehen, wie das 1856 gefundene, großartige römische Fußbodenmosaik aus Westerhofen im Museum wirkt. Bislang war es, das das Leben der römischen Elite zeigt, im Lichthof ausgestellt. Bei unserem Projekt haben wir uns besonders um die Sanierung des Hofes gekümmert, in dem das Mosaik ausgestellt war. Mit einem neuen Oberlicht kommt dieser einmalige Fund nun besonders zur Geltung.

Hof: München ist mittlerweile ein Ort der Nieto Sobejano – Architektur. Neben der Staatssammlung ist ihr Büro für das 5-Sterne Hotel Königshof am Stachus, das Bogenhausener Tor und das neue KPMG-Headquarter im Werksviertel verantwortlich. München ist nicht gerade offen gegenüber neuer Architektur – andere Städte in Europa wie Basel sind hier viel stärker an zeitgenössischer Architektur interessiert. Wie bewerten Sie die architektonische und städtische Qualität der Stadt?

Nieto / Sobejano: Es ist wahr, dass München für uns eine ganz besondere Stadt geworden ist, in der einige unserer bedeutendsten Werke gebaut wurden. Alle genannten Projekte sind das Ergebnis von Wettbewerben, und obwohl München diesen Ruf in Bezug auf neue Architektur haben mag, müssen wir sagen, dass unsere Projekte nicht auf die Vergangenheit zurückblicken, sondern ein Gleichgewicht zwischen Zeitgenossenschaft und Geschichte suchen. In diesem Sinne ist München ein sehr gutes Stadtbeispiel, bei dem der Architektur-Spagat zwischen Neuem und Respekt vor der Vergangenheit gelingt.

Wir lieben Cafés. In unserem Fall sind Cafés aber nicht Orte zum Arbeiten, sondern der Unterhaltung und des Austausches von Ideen.

Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano

Hof: In meinem Kaffeebuch „Schwarzes Gold“ schrieb ich ein eigenes Kapitel über die Architektur von Kaffeehäusern. So zeichnete der Wiener Architekt und Gründer der Wiener Werkstätten, Josef Hoffmann, seine Ideen im Wiener Café Schwarzenberg. Max Frisch saß als Architekt und Schriftsteller häufig im Café Odeon, seinem Lieblingsort in Zürich. Die Liste der Architekten, die in Kaffeehäusern Skizzen entwarfen und selbige errichten ließen, kann verlängert werden: So entwarfen Herzog & de Meuron (in Basel), Richard Rogers (London) und Philippe Starck (Paris) sogar eigene Cafés. Ist für Sie ein Café auch ein Ideenbüro, in dem Sie gerne arbeiten?

Nieto / Sobejano: Wir lieben Cafés. In unserem Fall sind Cafés aber nicht Orte zum Arbeiten, sondern der Unterhaltung und des Austausches von Ideen. Sie sind etwas Grundlegendes, vielmehr eine Mischung aus einer intellektuellen Tätigkeit und Freizeitbeschäftigung.

 

Hof: Ein wichtiger Bestandteil von moderner Museumsarchitektur sind Cafés. Dieser Ort ist als wichtiger Ort der Interaktion und des Treffens. Denn ein Tag im Museum ist schön, aber auch anstrengend. In Ihrer umgebauten Staatssammlung erwartet den Besucher erstmalig ein Museumscafé mit Dachterrasse. Wie wichtig ist das Café neben Foyer, Garderobe oder Buchladen in einem Museum?

Nieto / Sobejano: Ein Café ist ein wichtiger Bestandteil öffentlicher Gebäude und Museen. Ein Museumscafé ist ein Ort der Begegnung, des Ausruhens, des Verweilens und des Gesprächs über die gesehenen Ausstellungsgegenstände. Während das Foyer ein dynamischer Raum mit ständiger Bewegung der Besucher ist, ist vor allem das Café ein Raum der Entspannung, in dem die Besucher Zeit haben, über das Erlebte nachzudenken. Daher haben wir in unserem Entwurf auch ein Museumscafé integriert.

Hof: Bequem sitzen und sich mit Freunden unterhalten: Wie würde Ihr Kaffeehaus aussehen, in dem Kommunikation genauso stattfinden kann wie Arbeit?

Nieto / Sobejano: Ein Café ist weniger Hektik und Schnelligkeit, sondern eher Entschleunigung. Das geht aber in unserer Zeit immer mehr verloren. Ein Café ist nicht nur ein leerer Raum, sondern ein Ort, an dem die Gäste die Innenarchitektur wahrnehmen wie die verwendeten Materialien und die Beleuchtung.

Auch sollte der Textur in der Architektur, wie optische und taktile Elemente, die man auf Gebäuden und Oberflächen aufbringen kann, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Kurzum: Das Café sollte ein Raum sein, der alle Sinne des Menschen berührt. Für uns spielen auch Terrassen eine wichtige Bedeutung. Sie sind die natürlichen Erweiterungen des Cafés nach draußen, in die Stadt – mit anderen Worten: ein öffentlicher Raum. Daher gibt es auch bei der Archäologischen Staatssammlung, eine Neuheit, ein Café mit Dachterrasse.

Weitere Informationen

Mehr über die Funde der Archäologischen Staatssammlung, die bald in der Lerchenfeldstraße 2 in München ihre Pforten öffnet, sind auf der Museums-Homepage zu finden – auf eine historische Reise durch die 120.000 Jahre alte Geschichte Bayerns können Kinder, Jugendliche und Erwachsene gespannt sein. Eine digitale Baustellenzeitung gibt einen interessanten Ausblick über die künftige Ausstellung mit ihren Bodenfunden aus der Römerzeit bis hin zu den Exponaten des Mittelalters und der Neuzeit.

Die Homepage des international tätigen Architekturbüros von Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano gibt einen umfassenden Überblick über alle seit Gründung des Büros im Jahr 1984 realisierten Bauprojekte – von Museen über Büroimmobilien bis Schulen und Wohngeböuden.