Meisterwerke der Kaffeetempel: Die Topadressen für Postkarten und Selfies

Kaffeehäuser, die laut Stefan Zweig die „besten Bildungsstätten für alles Neues“ sind, sind Orte der Entschleunigung vom Alltagsstress und des Wohlbefindens, Genusses, Debattierens und Arbeitens. Seit Jahrhunderten betritt der Gast einen Ort des Kaffeegenusses, deren Architektur den jeweiligen Lebensstil widerspiegelt und sich verändert – von der Architektur der ersten arabischen quahveh khaneh – hier saßen die Gäste auf Teppichen, um den Geschichten und der Musik zu lauschen – bis hin zu den zeitgenössischen Cafés der Basler Stararchitekten Herzog & De Meuron. In den Räumen müssen sich Familien mit Kindern über den Business-Typ in der Mittagspause bis hin zum Selbstständigen, der im Kaffeehaus arbeitet, gleichermaßen wohlfühlen.

Kaffeehäuser waren „Wohnzimmer der Stadt“

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts waren Kaffeehäuser dunkle Spelunken mit einem Kaffeeausschank. Innenarchitektur war Fehlanzeige und war meistens auf eine Stehschenke beschränkt. Ab 1820 veränderte sich die Architektur der Kaffeehäuser allmählich. Die Räume wurden durch den Einbau von großformatigen Fenstern heller und von der Straße gut einsehbar. Durch die Erfindung der Glühbirne war auch eine Öffnung bis in die Abendstunden möglich.

So installierte im Berliner Café Bauer Emil Rathenau die erste elektrische Beleuchtung. Der AEG-Gründer Rathenau wusste, dass im Café Bauer Politiker, Offiziere, Wissenschaftler und Intellektuelle ein und aus gingen – alle erzählten vom Licht. Die Nachricht über diese technische Neuheit verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Eine bessere Mund-zu-Mund-Propaganda und Werbung für seine Glühbirne hätte Rathenau sich nicht wünschen können.

Gaslaternen ade – mehr Licht: Das Café Bauer an der Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden erstrahlten ab September 1884 hunderte Glühbirnen in Lüstern und Wandleuchten. Hierfür ließ Rathenau im Keller eine kleine Blockstation einbauen.

Die Wiener Traditionskaffeehäuser Diglas (oben) und Sperl (unten).

Exportschlager Wiener Kaffeehaus ab 1873

Der Grundstein für die Architektur des Wiener Kaffeehauses, das seit 2011 zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO zählt, wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gelegt. Die Weltausstellung 1873 in Wien – hier gab es in der Stadt an der Donau rund 200 Kaffeehäuser – machte das Kaffeehaus zum Exportschlager. Dieses internationale Schaufenster zeigte der Welt die Wiener Melange aus Kaffee, Geselligkeit, Zeitungslektüre und Gemütlichkeit. Ironisch umschrieb der Schriftsteller Alfred Polgar das Qualitätsmerkmal guter Kaffeehausarchitektur mit einem Satz: „Seit zehn Jahren saß ein Paar jeden Tag stundenlang im Kaffeehaus. Das ist eine gute Ehe! Nein, ein gutes Kaffeehaus.“ Bertolt Brecht schrieb über Wien und seine Cafés: „Wien ist eine Stadt, die um einige Kaffeehäuser herum errichtet ist, in welchen die Bevölkerung sitzt und Kaffee trinkt.“

In Wien wurden die großen Kaffeehäuser zwischen 1850 und 1900 während des Historismus gebaut. Die vor allem an der Wiener Ringstraße errichteten Kaffeehäuser fielen dementsprechend prunkvoll aus. Wichtigste Möbelstücke wurden der Thonet-Kaffeehausstuhl, Marmortische, Lampen sowie Spiegel. Dabei nutzten die Innenarchitekten einen Trick, um das menschliche Auge zu täuschen: Denn es macht einen Unterschied, ob der Spiegel wie ein Bild an der Wand hängt oder die Illusion für mehr Raum eröffnet. Der Umgang mit Spiegeln und Licht schuf größere Räume – ein Kniff, der in Wien perfektioniert wurde. Des Weiteren ist auch der Zeitungshalter fester Bestandteil des Kaffeehausinterieurs. Dieser wurde in den 1770er Jahre von Michael Hertl eingeführt. Hertl hatte 1771 das damals wichtigste literarische Kaffeehaus (Kramersche Kaffeehaus) in Wien übernommen, in dem er schon bald seinen Gästen eine große Auswahl an in- und ausländischen Zeitungen, die in Zeitungshalter eingespannt waren, zum Lesen anbot.

Zudem zählt die Uhr zur Standardausstattung in jedem Wiener Kaffeehaus. Die Uhr zumeist so groß wie eine Bahnhofsuhr hängt im Eingangsbereich. Manche Spötter meinen, dass die Uhr nur dazu da ist, nach gefühlten 30 Minuten Kaffeehausaufenthalt auf diese zu sehen, um zu bemerken, dass man schon fast drei Stunden vor der Melange saß.

Die Architektur wurde in den 1950er in Wien immer mehr für die Kundenwerbung und -bindung eingesetzt. Ab 1955 beauftragte der Kaffeesieder Friedrich Naber für seine Läden den Architekten Ernst Otto Hofmann. Die Läden der 1908 gegründeten Kaffeerösterei Naber erhielten den Namen Espresso. Gemeinsam mit Handwerkern legte Hofmann vor allem auf die Inneneinrichtung sein Hauptaugenmerk: handgefertigte Glas-Mosaikfliesen, Spiegelwand, eine aus Holz hergestellte, geschwungene Bar.

Treffpunkt bei Mehlspeise und Melange: Künstler und Literaten wie Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Karl Kraus oder Elias Canetti waren Stammgäste im Café Museum. (Foto: © Querfeld´s Cafe Wien)

Café Museum von Adolf Loos ist eine Architektur-Meilenstein

Das 1899 am Wiener Karlsplatz eröffnete Café Museum ist vor allem aufgrund seiner Inneneinrichtung revolutionär. Im Gegensatz zum Prunk der Gründerzeit-Kaffeehäuser – zu dieser Zeit prägte der üppige „Ringstraßen-Stil“ die Kaffeehäuser – verbannte der Architekt Adolf Loos überflüssigen Zierrat und entschied sich für eine einfache Inneneinrichtung. Der leidenschaftliche Kaffeehausgänger Loos kannte die vielfältigen Möglichkeiten des Handwerks von seinem Vater, der Bildhauer und Steinmetz war. Loos berichtete noch Jahre später über Hohn und Spott seiner Kollegen: „Die Architekten nannten es das ‚Café Nihilismus‘.

So entwickelte er seinen berühmten Kaffeestuhl – dem ersten vom Architekten entworfenen Bugholzmodell. Die Räume waren meistens grün angemalt, nur Adolf Loos wählte für sein Spielzimmer die Farbe Rot. Das Eckcafé besaß zudem noch ein sogenanntes Gibsonzimmer („Gibson-room“, benannt nach den dort ausgestellten Zeichnungen des amerikanischen Karikaturisten Charles Dana Gibson, 1867−1944) und war als Damenzimmer geplant. Der Komponist Franz Lehár war hier Stammgast.

Mehr „Architektur des Hintergrunds“ ist der Leitsatz des Wiener Architekten Hermann Czech. Er hat die Kaffeehäuser modernisiert und steht für „Wiener Minimalismus“: Ein kleines Raumwunder schuf seit 1970 Czech mit seinem „Kleinen Cafè“, das er im Bestand eines 400-jährigen, verwinkelten Gebäudes realisierte. Am Wiener Franziskanerplatz verwandelte Czech eine ehemalige Metzgerei in einen intimen Gastraum.

Im Innenraum fallen Kacheln – die bunten Mosaike gibt es noch in vielen Wiener Altbauten in den Küchen und Korridore – an den Wänden genauso auf wie die Grabplatten im Fußboden. Gepolsterte Sofas, nicht parallel gegenüberstehende Spiegel und schwarz / weiße Bugholzstühle runden die Wohlfühlatmosphäre ab. Es ist ein architektonisches Schmuckkästchen.

Kaffeehausarchitektur des 21. Jahrhunderts – der Catwalk in Wien, Paris oder Basel

Handwerk verbindet Lichtkonzept, Farbe und natürliche Materialien wie Holz und Lehm mit Tradition

„Kaffeehäuser sind wie Taschen der Öffentlichkeit, in denen Raum und Zeit konsumiert werden, aber nur der Kaffee taucht auf der Rechnung auf“, sagt der österreichische Architekt und Designer Gregor Eichinger. Ein schönes Beispiel für eine „Architekturmelange modern“ aus Spiegel, Lampen und Uhr schuf Eichinger mit seinem Café Stein. Das Architekturbüro „Eichinger oder Knechtl“ schuf für dieses 1985 eröffnete Kaffeehaus sogar eine Wandbeleuchtung mit integriertem Spiegel.

Unweit vom Café Stein liegt das Wiener Museumsquartier. Hier überzeugt das 2001 von den französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal fertiggestellte Az W Café, bei dem es sich um eine Reminiszenz an türkische Kaffeehäuser handelt, in denen der Gast sehr bequem sitzen und reden kann. Hierfür ist das von der Künstlerin Asiye Kolbai-Kafalier gestaltete, türkische Deckenmosaik verantwortlich. Das Muster der Deckenfliesen wurde in Istanbul entworfen und produziert. „Wir hatten die Idee des türkischen Cafés, wo man sehr bequem sitzt und sehr lang reden kann,“ sagt Lacaton.

Ortswechsel von der Donau an die Seine: Mit seinem Pariser Café Costes (1984) feierte der französische Designer und Architekt, Philippe Starck, seinen internationalen Durchbruch. Für das Café in der Nähe vom Beaubourg entwarf er auch den speziellen Hocker „Café Chair 80H“, der aus Stahlrohren besteht.

Das Cafè Kaan im Wiener Architekturzentrum begeistert mit einem Ziegelgewölbe mit orientalischer Keramik der türkischen Künstlerin Asiye Kolbai-Kafalier.

In Basel sind in letzter Zeit viele zeitgenössische Kaffeehausarchitekturikonen entstanden. In der unvergleichlichen „Stadt der Architektur“ gestaltete 2013 das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron unweit des Rheins ein Café um. Zwischen Münster und Messe im Altstadtviertel Großbasel gelegen haben die Pritzker-Preisträger 2001 die Innenarchitektur des Volkshaus aus den 1920er Jahre miteinbezogen und neu interpretiert.

In Kleinbasel revitalisierte das Architektenbüro Herzog & de Meuron zwischen 2011 – 2012 das Volkshaus. Die farbintensiven Buntglasfenster (Foto unten) des deutschen Künstlers Imi Knoebel verleihen dem Café eine besondere Atmosphäre.

Ziel war die Wiederherstellung zwar der Originalstruktur der Räume aus dem Jahr 1925, aber moderne innenarchitektonische Designelemente wie verschieden geformte Spiegel und von der Decke hängende LED-Pendelleuchten wurden integriert. Ein visueller Höhepunkt sind die vom deutschen Künstler Imi Knoebel geschaffenen Glasfenster. Nach der Gestaltung mehrerer Glasfenster für die Kathedrale Notre-Dame de Reims (2011 bis 2015) schuf er die „Basel-Fenster“ für das Volkshaus.

Ein Meilenstein für ökologisches Bauen ist das Bürogebäude Hortus, das 2023 in Basel-Allschwil eröffnet wurde. Holz und Lehm sind die dominierenden Baumaterialien. Sonnenergie wird über Paneelen auf dem Dach und an der Fassade gewonnen.

Ende Juni 2025 eröffnete in Basel ein Vorzeigeprojekt für klimagerechtes Bauen, das ebenfalls Herzog & de Meuron realisierten. Das Bürogebäude Hortus ist Teil des Switzerland Innovation Park Basel und überzeugt durch die Verwendung regenerativer Materialien. Der fünfgeschossige Holzrahmenbau mit seiner Holz-Lehm-Decke setzt einen neuen Maßstab für nachhaltiges Bauen. Neben einem bepflanzten Innenhof hat im Eingangsbereich die Zürcher Kaffeerösterei Rose Coffee Roasters ihre „Rose Coffee Bar“ eröffnet.