Der Kaffee wurde als „Milch der Schachspieler und Denker“ bezeichnet und das Kaffeehaus galt als Wiege der europäischen Schachklubkultur. Denn spätestens seit dem 19. Jh. war Schach das Spiel in den europäischen Kaffeehäusern schlechthin. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau spielte sehr gerne im Pariser Café de la Regence Schach. „Wenn der Erreger Schach ihren Körper befallen hat, gibt es kein Heilmittel, die Krankheit aufzuhalten“, sagte er einmal.
Neue Züge und Finessen wurden am Schachbrett in Pariser, Londoner, Wiener oder Münchner Kaffeehäuser ausprobiert. Seit Mitte des 18. Jhs. avancierte Paris zu dem Treffpunkt der Schachspieler. Ab 1740 praktizierten im Café de la Régence zahlreiche Schach-Persönlichkeiten wie Francois Antoine de Legall, Lionel Kieseritzky und Daniel Harwitz das Spiel der Könige. An diesem „Versammlungsort der Schachspieler“ fand jeden Monat ein Turnier statt, die so genannten tournois mensuels.
Jean-Henri Marlet malte das Schachspiel zwischen Howard Staunton und Pierre Charles Fournier de Saint-Amant am 16. Dezember 1843 im Pariser Café de la Régence. Dieses Duell zwischen den beiden besten Schachspieler galt als inoffizielle Weltmeisterschaft. (© Wikimedia Commons)
Koffeinkonsum viel, beim Königlichen Spiel
Das Café de la Regence besteht aus drei Räumlichkeiten: dem eigentlichen Café, wo die Nichtraucher spielen, und dem Estaminet. Außerdem ist in der ersten Etage der Versammlungsort für einen geschlossenen Club.“ Im Estaminet befand sich übrigens auch ein Marmortisch, an dem 1798 Napoleon angeblich Schach gespielt hat.
In jeder europäischen Stadt gehörten die 32 Figuren und ein Brett mit 64 schwarz-weißen Feldern zum Inventar eines Kaffeehauses. Seit der Regentschaft des Habsburgers Joseph II, der von 1765 bis 1790 in Wien als Kaiser regierte, wanderte das Schachspiel von privaten Salons in das Kaffeehaus. Es wurde in Wien das Spiel bei dem diskutiert, geraucht und debattiert wurde.
Das Schachspiel hatte in Wiener Kaffeehäuser ab dem 19. Jahrhundert eine Tradition. Das Cafè Central wurde das Schach-Zentrum.
Das Café Central entwickelte sich schnell im 19. Jh. zum Zentrum des europäischen Schachspiels. Hier gehörte der persisch-arabische Ausruf „Shat mat!“ („Der König ist tot!“) zur Kaffeehausstimmung. Scherzhaft wurde das Cafè Central auch die „Schachhochschule“ genannt. Auch der russische Revolutionär und leidenschaftlicher Schachspieler Leo Trotzki alias Bronstein war Stammgast.
Schachweltmeisterschaften in Kaffeehäusern
Kaffeehäuser wurden auch schnell zu Orten von internationalen Schachturnieren. Am Anfang war es häufig ein Duell Frankreich gegen England. Um die Jahrhundertwende wurde v.a. Berlin Austragungsort von wichtigen Schachturnieren.
Der österreichische Schachweltmeister Wilhelm Steinitz (Bild rechts / © Wikimedia Commons) war auch ein Kaffeehausspieler. Im oberen Stockwerk des Wiener Cafés de L´Europe am Stephansplatz übte er. Es kam auch häufig vor, dass Kaffeegäste ihm fünf Gulden anboten, damit er mit ihnen eine Partie spielt. In der Wiener Schachzeitung 1873 wurde eine Anekdote über eine Begegnung mit dem Bankier Epstein in einem Wiener Schachcafè geschildert. Steinitz soll gesagt haben: „Sie sind der Epstein an der Börse – hier bin ich Epstein!“
Ex-Weltmeister Emanuel Lasker wollte 1933 den Titel zurückerobern.
Wilhelm Steinitz verlor den Weltmeistertitel 1894 an seinen Herausforderer Lasker.
Im Berliner Café Royal verdiente sich Emanuel Lasker (Bild links / © Bundesarchiv – Wikimedia Commons) – nach Steinitz war er der zweite Schachweltmeister – das nötige Geld für sein Mathematikstudium, indem er Schachunterricht erteilte. Von 1894 bis 1921 blieb Lasker Weltmeister und verteidigte in fünf Wettkämpfen seinen Titel – keiner war so lange Weltmeister wie er.
Der schweizerische Maler Paul Klee, der für seine Gemälde mit dem Schachbrettmuster berühmt wurde, stellte im Jahr 1937 gemalten Bild „Überschach“ den Sieger als „roten Überkönig“ in den Mittelpunkt. Das Gemälde ist im Kunsthaus Zürich ausgestellt. (© Foto: Patrik Hof)
In München ging die Boheme in das Café Stefanie, um dort Schach zu spielen. Die Passanten drückten sich die Nase an den Fenstern platt, um im Innern des im Volksmund als „Cafè Größenwahn“ bezeichneten Treffpunkt, bekannte Maler und Schriftsteller unter den Schachspielern zu entdecken. Der Maler Paul Klee, der für seine schachbrettartigen Gemälde berühmt wurde, zählte hier genauso zu den Stammgästen wie Heinrich Mann oder der Dichter Johannes R. Becher (1891-1958) – später war er SED-Politiker, Minister für Kultur in der DDR (ab 1954) und Verfasser der Nationalhymne „Die Internationale“ –, der das Sonett „Café Stefanie“ verfasste.
Intellektuelle und das königliche Spiel
„Außer der Philosophie weiß ich kein so anregendes Mittel fürs Gehirn wie Schach und Kaffee“, sagte der deutsche Schriftsteller Jean Paul (1763-1825). Diesem Zitat hätte der Schriftsteller Stefan Zweig wahrscheinlich ohne Widerworte sofort zustimmen können, der mit seiner „Schachnovelle“ Weltliteratur verfasste.
„Für Schach ist, wie für die Liebe, ein Partner unentbehrlich.“
1917 zog Zweig nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst in die neutrale Schweiz, genauer gesagt nach Zürich. Sein Stammkaffee wurde das Café Odeon, unweit des Flusses Limmat.
Zweig war von der Faszination des Spiels sein Leben lang begeistert. Stundenlang saß er selbst gerne im Salzburger Café Bazar oder Café Odeon (Zürich) am Brett. In seinem Werk „Schachnovelle“, die er in seinem brasilianischen Exil verfasste, wird die Passion zur „monomanischen Besessenheit, der Schachvergiftung“ erleb- und spürbar. Die Geschichte des Dr. B., der sich das Schachspiel in Gestapo-Gefangenschaft beibringt, ist bis heute Literatur vom Feinsten.
Nach seinem fast zweijährigen Aufenthalt in der Schweiz kehrte Zweig nach Salzburg zurück. Sehr gerne ging er in das unweit der Salzach gelegene Café Bazar. Hier spielte er Schach und schrieb u.a. an seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“.
Schacheröffnung „Gambit“ im Kino
Die Schacheröffnung „Gambit“ ist der Namensgeber für den Buchtitel „The Queen´s Gambit“ von Walter Tevis. In seinem Werk beschrieb er den Weg des Schach-Wunderkindes Beth Harmon, die den Weg vom Waisenkind zur Schachweltmeisterin einschlagen will. Doch ihr Streben nach Ruhm ist selbstzerstörerisch. Auch wenn sie schnell Turniere gewinnt, konsumiert das Schachgenie reichlich Pillen und Alkohol. Auch der Kaffee begleitet die Hauptdarstellerin täglich. Die Gegner wunderten sich bereits über „Beths Kaffeekonsum“. Kaffee war ein wichtiger Bestandteil ihres Morgenrituals. Die Netflix-Produktion „Das Damengambit“ (2020), das bei den Golden Globes ausgezeichnet wurde, wurde unter anderem im ehemaligen Café Grosz – es schloss 2019 – in Berlin gedreht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es für das „Spiel der Könige“ in den Cafés erst einmal schachmatt. Denn das Schachspiel verschwand zunehmend aus den Kaffeehäusern. Die in Kaffeehäusern um die Jahrhundertwende ausgetragenen Schachweltmeisterschaften gerieten langsam in Vergessenheit.
Ein kleines Comeback feierte die Stellung des Kaffees im Schach im Jahr 1961. Beim Weltmeisterschaftskampf 1961 zwischen Mikhail Botvinnik und Mikhail Tal war Kaffee wieder in aller Munde. Botvinnik, der sich die Weltmeisterschaftskrone zurückholte, hatte offenbar ein Wundermittel für sich entdeckt, das er in einer Thermoskanne neben das Brett stellte. Nach seinem Sieg am 12. Mai 1961 sagte er in der Pressekonferenz: „Als ich sehr jung war, konnte ich nicht verstehen, warum meine Gegner Kaffee tranken. […] Ich habe erst spät bemerkt, dass ich die ganzen fünf Stunden durchhalten kann, wenn ich während einer Partie Kaffee trank.“
Immer wieder tauchte Kaffee bei den Wettkämpfen auf. Der russische Schachgroßmeister Boris Spasski, der 1972 den Titel an Bobby Fischer abgeben musste, trank nach jedem Zug einer seiner Figuren einen Schluck Kaffee. Sein wichtigster Begleiter am Brett war seine Thermoskanne mit Kaffee. Der Schachgroßmeister und Geistliche, Henrique da Costa Mecking trug in einem Turnier 1974 gegen Viktor Korchnoi das T-Shirt „Trinkt brasilianischen Kaffee. Cafè do Brasil.“
Bei der Schacholympiade 2002 (eine Mannschafts-WM mit über 100 Nationen) in Bled wurde eine Koffeinobergrenze vom internationalen Schachverband FIDE festgelegt. Ab drei Tassen hätten die Spieler diese Grenze bereits überschritten. Diese Doping-Regeln wurden ab der Schach-WM im Jahr 2016 wieder gestrichen.